Fotos von allen. Nur nicht von mir.

warum Erinnerungen wichtiger sind als Perfektion

„Bitte nicht, ich sehe heute schrecklich aus.”

Wie oft haben wir das schon gesagt? Beim Familienfest, im Urlaub, an einem ganz normalen Sonntagnachmittag. Wir drehen den Kopf weg, halten die Hand vors Gesicht, löschen das Bild, bevor es jemand sehen kann.

Und dann sitzen wir Jahre später da, blättern durch alte Fotos und stellen fest: Wir sind kaum darauf.

Hunderte Bilder von den Kindern. Vom Partner. Von Reisen, Sommerabenden, Weihnachtsessen. Aber von uns selbst? Ein paar zufällige, halb weggedrehte Momente. Meist unscharf. Meist ungewollt.

Warum machen wir das?

Ich glaube, es liegt daran, dass wir uns selbst mit völlig anderen Augen ansehen als alle anderen.

Wir kennen jede Stelle, mit der wir hadern. Wir wissen genau, welcher Winkel uns nicht gefällt, wie die Haare heute nicht liegen, dass die Augen müde aussehen. Und dann vergleichen wir das Foto nicht mit der Wirklichkeit – sondern mit dem Bild, das wir gerne von uns hätten.

Alle anderen sehen etwas völlig anderes. Sie sehen einfach: uns. Die Person, die sie mögen. Das Lachen, das sie kennen. Die Art, wie wir den Kopf schief legen, wenn wir zuhören.

Niemand außer uns führt diese kleine, strenge Inventur.

Der Zeitpunkt kommt nie von allein

Und dann ist da noch dieser Gedanke, den ich so oft höre: Später. Wenn ich mich wieder wohler fühle. Wenn die Haare gewachsen sind, wenn ich mich besser kenne in diesem Körper, wenn gerade weniger los ist.

Ich verstehe das gut. Ich kenne es selbst.

Aber ehrlich – wann ist das? Es gibt fast immer einen Grund, warum heute nicht der richtige Tag ist. Und während wir auf den perfekten Moment warten, vergeht genau die Zeit, von der wir später gerne Bilder hätten.

Was sich ändert, wenn wir es trotzdem tun

Es gibt Frauen, die mir vor einem Shooting sagen: „Ich bin eigentlich total unfotogen.” Manchmal mit einem Lachen, manchmal ganz ernst.

Und dann kommt dieser Moment, den ich in fast jedem Shooting erlebe. Ich frage zwischendurch: „Möchtest du dich mal sehen?” Sie schauen auf das Display. Und werden ganz still.

„Oh wow. Das bin ich?”

Sie sieht nicht eine schönere Version von sich. Sondern die, die schon die ganze Zeit da war. Zum ersten Mal sieht sie sich so, wie andere sie schon lange sehen. Ohne den prüfenden Blick. Ohne die Liste der Dinge, die nicht stimmen.

Und das verändert etwas. Nicht nur an diesem Nachmittag. Manchmal bleibt es.

Und dann ist da noch die andere Seite

Es gibt Menschen, von denen aus manchen Jahren fast keine Bilder existieren. Nicht, weil sie nicht da gewesen wären – sondern weil sie meistens die waren, die fotografiert haben. Die hinter der Kamera standen, damit alle anderen darauf sind.

Und irgendwann sucht jemand nach genau diesen Bildern und findet sie nicht.

Eure Kinder und Enkel werden diese Fotos eines Tages in den Händen halten. Sie werden nicht auf euer Kinn schauen oder auf die Haare. Sie werden sagen: „Guck mal. So hat sie gelacht.”

Vielleicht ist es so:

Wir lassen uns nicht für heute fotografieren. Heute finden wir immer etwas, das dagegen spricht.

Wir lassen uns für später fotografieren. Für die Frau, die wir in zwanzig Jahren sind und die dankbar zurückschaut. Und für die Menschen, die uns lieben – die verdienen mehr als ein paar unscharfe Zufallsmomente.

Also: beim nächsten Familienfoto nicht aus dem Bild gehen.

Sondern hinein.